• Deutschlandfunk App
  • Spotify
  • Apple Podcasts
  • Abonnieren

Impulsives und hyperaktives Verhalten und Stimmungsschwankungen: Das alles kann auf Menschen mit ADHS zutreffen. Auf Social Media gibt es inzwischen sehr viele Reels und Clips dazu. Aber ist ADHS ein Trend oder haben es wirklich mehr Menschen?

Shatice hat mit fünf Jahren die Diagnose ADHS bekommen. Aber erst als Erwachsene hat sie angefangen, sich mehr mit den Auswirkungen der Diagnose auseinanderzusetzen.

Was bedeutet es, eine Aufmerksamkeitshyperaktivitätsstörung zu haben? Bei Shatice äußert sich die Störung so, dass sie immer mit etwas herumspielen muss, ob mit den Fingern oder den Haaren. Außerdem lässt Shatice Schranktüren und Flaschen auf. Sie ist eigentlich hibbelig, wirkt aber nach außen sehr ruhig und fühlt sich oft in Gruppen überfordert.

"Was ich früher immer negativ betrachtet habe, sehe ich jetzt positiv – weil ich viele Dinge lernen möchte."
Shatice über die Veränderung, wie sie zur ihrer ADHS-Diagnose steht

Mit der Zeit hat sie gelernt, ihre innere Unruhe im Außen zu verbergen. Für Shatice heißt das, sich so anzupassen, dass ihre Neurodiversität nicht mehr für andere wahrnehmbar ist. Für sie ist das jedoch sehr anstrengend. Das ist für sie ein sehr schwerer Teil von ADHS.

Mittlerweile findet Shatice es aber nicht nur negativ ADHS zu haben. Für sie bedeutet es auch, viele Interessen zu haben und neugierig zu sein. Auch wenn sie vielleicht keine Expertin auf einem Gebiet wird, so freut sich Shatice trotzdem so viele unterschiedliche Hobbys kennenzulernen.

Für Shatice ist es wertvoll, dass inzwischen mehr Menschen auf Social Media über ihre ADHS-Diagnose sprechen und es mehr Medien zu dem Thema gibt. Erst durch die vielen neuen Ansichten traute sie sich mehr über ihre Diagnose zu sprechen und offener damit umzugehen.

ADHS – ein Trend?

Tausende Reels und Clips auf Insta und Co. lassen vermuten, dass es immer mehr Menschen mit ADHS gibt. Der Forscher Robert Schlack ist Experte für psychische Gesundheit am Robert Koch-Institut. Er sagt, dass die Medizin früher davon ausgegangen ist, dass ADHS mit dem Erwachsenenalter abnimmt. Inzwischen wissen die Forscher jedoch, dass dem nicht so ist, erklärt er.

Bei Menschen zwischen 18 und 69 Jahren gibt es eigentlich nur Schätzungen, wie viele die Störung ADHS haben, sagt Robert Schlack. Es gibt eine geschätzte ADHS-Häufigkeit von 2,5 Prozent und das bedeutet, es handelt sich um 1,46 Millionen Menschen.

Aus seiner Perspektive wird es aber künftig keinen Anstieg der ADHS-Diagnosen geben. Aber er sagt, es gibt mehr Selbstdiagnosen der Abweichung. Bei Erwachsenen sind steigende Diagnosezahlen auf eine erhöhte Sensibilisierung zurückzuführen, so Robert Schlack vom RKI.

"Oft ändert die Diagnose an sich schon sehr viel, weil die Betroffenen dann auch sich selbst besser verstehen und auch erst mal neues Selbstbild entwickeln lassen."
Rosalie Weigand ist psychologische Psychotherapeutin und diagnostiziert ADHS

Rosalie Weigand ist psychologische Psychotherapeutin, bietet ADHS-Diagnostik an. Sie sagt, dass der Trend, ADHS in Clips und Reels zu verarbeiten, den betroffenen Personen guttun kann. Denn Menschen, die von ADHS betroffen sind, fühlen sich jeden Tag in einer Welt, die eben nicht auf sie und ihre Bedürfnisse zugeschnitten funktioniert. Durch die Videos können sie das verarbeiten und teilen.

"Problematisch ist, dass diese Videos nur einen kleinen Ausschnitt darstellen und es ganz viele unterschiedliche Gründe dafür geben kann, warum jemand zum Beispiel Stimmungsschwankungen hat."
Rosalie Weigand über die vielen ADHS-Reels auf Social-Media

Jedoch haben die ADHS-Videos aus dem Netz auch das Problem, dass ADHS Symptome wie impulsives und hyperaktives Verhalten und Stimmungsschwankungen, die dort ADHS zugeschrieben werden, auch von anderen Erkrankungen wie beispielsweise Borderline kommen können.

Rosalie Weigand erklärt aber auch, dass ADHS neben den sehr schwierigen Aspekten auch viele positive Seiten hat. Denn Menschen, die ADHS haben, sind häufig sehr kreativ. Sie finden beispielsweise schnelle und unkonventionelle Lösungen für Probleme, auf die andere nicht gekommen wären. Und außerdem sind sie ebenfalls oft sehr empathisch und wissen noch bevor die Person es manchmal selbst weiß, was eigentlich innerlich beim Gegenüber los ist.

Meldet euch!

Ihr könnt das Team von Facts & Feelings über WhatsApp erreichen.

Uns interessiert: Was beschäftigt euch? Habt ihr ein Thema, über das wir unbedingt in der Sendung und im Podcast sprechen sollen?

Schickt uns eine Sprachnachricht oder schreibt uns per 0160-91360852 oder an factsundfeelings@deutschlandradio.de.

Wichtig:
Wenn ihr diese Nummer speichert und uns eine Nachricht schickt, akzeptiert ihr unsere Regeln zum Datenschutz und bei WhatsApp die Datenschutzrichtlinien von WhatsApp.

Empfehlungen aus dem Beitrag:
  • How not to fit in: An unapologetic guide to navigating autism and ADHD. Erscheinungsdatum: April, 2024 Autorinnen: jess Joy, Charlotte Mia
Shownotes
ADHS auf Social Media
Und pötzlich haben alle eine Diagnose
vom 21. Februar 2025
Gesprächspartnerin: 
Shatice, wurde als Kind mit ADHS diagnostiziert
Gesprächspartnerin: 
Rosalie Weigand, psychologische Psychotherapeutin, bietet ADHS-Diagnostik an
Gesprächspartner: 
Robert Schlack, forscht zu psychischer Gesundheit und der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen am Robert Koch-Institut, Abteilung Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring, Fachgebiet Psychische Gesundheit
Autorin und Host: 
Shalin Rogall
Redaktion: 
Anne Bohlmann, Sarah Brendel, Friederike Seeger
Produktion: 
Gunda Herke