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Immer weniger Menschen in Deutschland wollen Teil einer Glaubensgemeinschaft sein. Religiosität verschwindet deswegen aber nicht, sagt die Soziologin Annette Schnabel. Religiöse Vielfalt nehme zu. Das fordere auch die Gesellschaftsordnung heraus.

Die evangelische und die katholische Kirche, die beiden großen Volkskirchen in unserem Land, verlieren seit Jahren stetig Mitglieder. Generell fühlen sich immer weniger Menschen in Deutschland Kirchen und Glaubensgemeinschaften zugehörig.

"Ein Blick auf die empirische Zusammensetzung der religiösen Landschaft zeigt: Entkirchlichung ist nur ein Teil der Wahrheit."

Das bedeutet aber nicht, sagt die Soziologin, dass Religion und Religiosität komplett aus Deutschland verschwinden. Wie geglaubt wird, was praktiziert wird, ist vielfältiger und individueller geworden, erklärt sie anhand empirischer Daten.

"Vor allem junge Menschen finden Spiritualität interessant, weil sie nicht mit Kirchenbindung einhergeht."

Eine Erkenntnis dabei: Kirchenbindung sagt nicht zwingend etwas über Glauben aus. "Es gibt nicht die Religion, die Religiosität, das Religiöse", betont sie.

Unattraktive Kirchenbindung

Vor allem für jüngere Menschen sei Kirchenbindung unattraktiver – auch wenn sie Interesse an Spirituellem haben.

"Dass wir nicht mehr in einem religiös homogenen Land leben, sondern es viele verschiedene religiöse Überzeugungssysteme gibt, sorgt für neue Konflikte."

Staat garantiert Glaubenspluralität

Auf Basis von Statistik überlegt Annette Schnabel dann weiter, was es bedeutet, dass wir in einer religionspluralen Gesellschaft leben. Was heißt das für unsere gesellschaftliche Ordnung und den gesellschaftlichen Zusammenhalt? Annette Schnabel macht zwei zentrale Herausforderungen aus:

  • Zum einen muss die friedliche Koexistenz der verschiedenen Weltanschauungen garantiert werden.
  • Zum anderen muss die Idee durchgesetzt werden, dass alle Religionen und alle Weltanschauungsgemeinschaften das gleiche Freiheitsrecht haben und vom Staat gleich behandelt werden.
"Natürlich müssen wir auch als Gesellschaft entscheiden: Geht es um Religion oder um die Toleranz oder ist es ein politisches Moment?"

Das Problem dabei, sagt die Soziologin: "Das ist unter Umständen unpopulär – wie wir gesehen haben, entspricht das nicht unbedingt den Einstellungen von Bürgerinnen und Bürgern."

"Die Frage danach, ob der Islam zu Deutschland gehört, ist im Grunde genommen gar keine Frage – jedenfalls nicht aus grundgesetzlicher Perspektive."
Annette Schnabel, Soziologin, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
© Conny Schoenwald
Annette Schnabel, Soziologin, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Annette Schnabel ist Professorin für Soziologie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Ihren Vortrag mit dem Titel: "Die veränderte Rolle von Religion in Deutschland" hat sie am 9. Januar 2025 im Rahmen der interdisziplinären Vorlesungsreihe "Die Macht von Überzeugungen. Weltanschauungen, Ideologien, Glaubenssysteme" gehalten, eine Veranstaltung im Rahmen des Studiums Generale der Universität Mainz.

Hörtipp: Einen weiteren Vortrag aus dieser Reihe könnt ihr hier hören.

Shownotes
Gesellschaftsordnung unter Druck
Die neue Rolle von Religion in Deutschland
vom 20. Februar 2025
Moderation: 
Katrin Ohlendorf
Vortragende: 
Annette Schnabel, Soziologin, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
  • Einführung
  • Vortragsbeginnn
  • Theorie: Was ist eigentlich Religion?
  • Empirie: Wie steht es um Religion und Religiosität in Deutschland
  • Sozialisation: Ursachen für Religiosität in Deutschland
  • Einstellungen gegenüber Religion und religiöser Pluralisierung 
  • Schlussfolgerungen: Gesellschaftliche Konsequenzen
  • Fazit
  • Vorschau auf die nächste Hörsaal-Folge: Verschwörungsmythen als (Ersatz-)Religionen
Quellen aus der Folge: