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Antonia macht der zunehmende Rechtsruck in ihrer Heimat Sachsen Angst. Sie fragt sich, wohin sich das entwickelt – und engagiert sich bei "Studis gegen Rechts". Soziales Engagement kann gegen Zukunftsangst helfen, sagt Sozialanthropologe Jan Jonathan Bock.

Antonia ist Anfang 20 und studiert in Dresden. Ursprünglich kommt sie aus Westsachsen. Den zunehmenden Rechtsruck in ihrer Heimat hat sie selbst zu spüren bekommen. Sie war im Sommer 2024 beim Christopher Street Day (CSD) in Bautzen, der von rechtsextremen Protesten begleitet wurde. Es habe dort einen Naziaufmarsch gegeben und Regenbogenfahnen seien verbrannt worden, erzählt Antonia.

Zurück in die Heimat oder lieber nicht?

Sie gehört selbst zur queeren Community und ist besorgt: "Ich stehe auf Frauen und dadurch habe ich auch Angst. Und weil ich Menschen kenne, die deshalb auf offener Straße angefeindet und als Schwuchtel beleidigt worden sind."

"Die Anfeindungen gehen auch hier in Dresden weiter. Man wird oft beleidigt und das Gewaltpotenzial steigt bei vielen. Das ist schon beängstigend."
Antonia, hat Angst vor dem Erstarken der Rechten und Rechtsextremen

Eigentlich wollte Antonia immer zurück in ihre Heimat, um wieder bei der Familie zu sein. Das war für sie lange Zeit ein schöner Gedanke. In den vergangenen Jahren hat sich das aber gewandelt. Antonia sagt, sie fühle sich dort nicht mehr so wohl. Und sie erinnert sich auch daran, selbst als 16-Jährige in ihrer Heimat Menschen begegnet zu sein, die sich als Neonazis bezeichneten.

Trotzdem will sie zurück. Und: Antonia hat sich irgendwann dazu entschlossen, sich gegen Rechts zu engagieren.

Donald Trump und die AfD in Sachsen

Auslöser waren für Antonia zwei Ereignisse Ende 2024: Die erneute Wahl von US-Präsident Donald Trump und die Gespräche über eine Regierungsbeteiligung der AfD in Sachsen. Darüber sei sie schockiert gewesen. Eigentlich wollte sie daraufhin zu einer spontan organisierten Demo von "Studis gegen Rechts" gehen. "Ich wollte unbedingt dahin, aber niemand von meinen Freunden und Geschwistern hatte Zeit. Dann bin ich demütig wieder nach Hause gegangen."

"Ich habe das Bedürfnis, dagegenhalten zu wollen."
Antonia, hat Angst vor dem Erstarken der Rechten und Rechtsextremen

Antonia hat sich dann aber mit einer Freundin getroffen, die zu dem Zeitpunkt schon bei "Studis gegen Rechts" aktiv war. Inzwischen engagiert sie sich dort ebenfalls – und fühlt sich sehr gut aufgehoben: "Es ist schön zu sehen, dass man ein großes Netz an Menschen hat, die für einen nur Gutes wollen. Ich finde es cool, in einem aktivistischen Kreis zu sein, der voll inspirierend ist. Und das gibt mir den Mut, was zu machen."

Selbstwirksamkeit durch soziales Engagement

Ob Rechtsruck, Klimakrise oder Kriege – die Krisen dieser Welt lassen sich nicht (oder nur äußerst schwer) lösen. Und: Sie sind schwer zu begreifen, weil sie einfach zu abstrakt sind, sagt Sozialanthropologe Jan Jonathan Bock. "Deshalb ist es hilfreich, die sozialen Medien mal abzuschalten und – wie in Antonias Fall – zu schauen, wie man sich lokal engagieren kann."

"Die Dinge, die gerade in den USA stattfinden, in China, in Syrien oder im Ukraine-Konflikt – da kann ich nichts machen. Aber ich kann mich hier vor Ort engagieren."
Jan Jonathan Bock, Sozialanthropologe und Leiter von "Jugend debattiert"

Soziales Engagement kann Menschen das Gefühl von Selbstwirksamkeit geben, weil man im Lokalen etwas verändern kann, sagt Jan Jonathan Bock, der auch Leiter des Schülerwettbewerbs "Jugend debattiert" ist.

Die aktuelle Zeit sei eine besondere Zeit, findet er. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit sei es nämlich gerade so, dass die älteren Generationen nicht nur die politische Macht hätten, sondern den jüngeren auch zahlenmäßig überlegen seien.

Verunsicherung unter jungen Leuten

Und das sorgt dem Sozialanthropologen zufolge für Verunsicherung. "Die jüngeren Leute haben heute nicht mehr die Macht, durch zahlenmäßige Überlegenheit – die sie sonst immer hatten – gegen zu wirken." Indem sie etwa sagten, dass sie die Popkultur oder kritische Kunst gestalten können.

Bock plädiert dafür, sich nicht entmutigen zu lassen und trotzdem auf soziales Engagement zu setzen. Dass sich Menschen zusammenschließen und sagen, sie wollen mehr mitbestimmen, habe schon in der Vergangenheit viel bewirkt: "Ob die Revolution in Frankreich oder in den USA: Die Befreiungsbewegungen auf der ganzen Welt haben doch gezeigt, dass Leute, die sich zusammenschließen und gegen die Machthaber auflehnen, auch was bewirken können."

Mehr Akzeptanz für Diversität in Deutschland

Der Sozialanthropologe sieht in den letzten Jahren viel Veränderung in Deutschland – etwa bei den Themen Homosexualität oder der Rolle der Frau. Vor allem junge Menschen seien heutzutage offener für sexuelle Vielfalt und den Umgang mit Diversität. "Das hat auch viel damit zu tun, dass sie sich damit beschäftigen und sagen: Wir möchten in dieser Gesellschaft anders leben. Sie gehen dafür auf die Straße und setzen sich dafür ein."

Junge Leute schauen besorgt in die Zukunft

Mehrere Studien zeigen, dass Zukunftsängste insbesondere bei jungen Menschen deutlich zunehmen, sagt Psychologin Eva-Lotta Brakemeier. Eine Umfrage der Barmer Krankenkasse hat ergeben, dass Jugendliche sich am meisten Sorgen über Kriege machen, gefolgt von Klimawandel, Energiekrise und Armut.

Der Psychologin zufolge sind Zukunftssorgen und -ängste zunächst eine menschliche Reaktion. Die Frage sei nur, wie wir mit solchen Ängsten umgehen, damit sie uns nicht langfristig schaden.

"Ohne Angst wären wir schon längst ausgestorben. Denn Angst hilft uns, mit Stressoren oder Gefahren umzugehen."
Eva-Lotta Brakemeier, Professorin für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Uni Greifswald

Die Psychologin erklärt, dass es drei unterschiedliche biologische Reaktionen auf Ängste gibt:

  • Fight (Kampf)
  • Flight (Flucht)
  • Freeze (Erstarren)

Und diese Reaktionen können unterschiedlich angewendet werden: Statt direkt in den Kampfmodus zu gehen, sei es beispielsweise hilfreich, sich zu engagieren, so Eva-Lotta Brakemeier. "Wenn man sieht, es läuft was ungerecht, sich nicht zurückzuziehen, sondern zu schauen, wo kann ich mich denn engagieren? Also in diese Aktivität zu kommen, im besten Fall mit anderen zusammen."

Und das kann der Psychologin zufolge am Ende dazu führen, dass man sich denkt: "Ja, ich habe Angst – aber ich kann auch etwas verändern." Auch Antonia sagt, dass ihr Engagement ihr viel Kraft gibt und sie auf jeden Fall dran bleiben möchte.

Info: Unser Bannerbild oben zeigt nicht Antonia.

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Shownotes
Rechtsruck, Klimakrise, Krieg
Weniger hilflos fühlen trotz Zukunftsangst
vom 12. Februar 2025
Gesprächspartnerin: 
Antonia, hat Angst vor dem Erstarken der Rechten und Rechtsextremen
Gesprächspartnerin: 
Eva-Lotta Brakemeier, Professorin für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Uni Greifswald
Gesprächspartner: 
Jan Jonathan Bock, Sozialanthropologe, Leiter von Jugend debattiert
Autor und Host: 
Przemek Żuk
Redaktion: 
Friederike Seeger, Lara Lorenz, Sarah Brendel, Lena Korbjun
Produktion: 
Jan Morgenstern
Quellen: