• Deutschlandfunk App
  • Spotify
  • Apple Podcasts
  • Abonnieren

Ländliche Idylle, viel Grün, den hohen Mieten und dem täglichen Chaos entfliehen – gute Gründe, um die Stadt zu verlassen. Auch Laila hat diesen Schritt gewagt. Sie weiß nun, welche Schwierigkeiten das mit sich bringt, und ist bei einem Kompromiss gelandet.

Bei Laila war es der Wunsch, mehr Platz zu haben, um mit anderen Menschen zusammenleben zu können: "Ich glaube, die Vorstellung von dieser Gemeinschaft hat mich dazu gebracht, dass ich aufs Land ziehen wollte." Deswegen hat sie sich zusammen mit drei anderen Erwachsenen – zwei Kinder gehören auch dazu – eine alte Gärtnerei gekauft, die sie nun um- und ausbauen, um dort zu leben.

Wenn's mal wieder länger dauert...

Sie liegt nicht komplett in der Einsamkeit, sondern in einer Kleinstadt in Brandenburg. Vor Ort gibt es Geschäfte und Infrastruktur, die es auf dem Dorf vielleicht nicht geben würde. Und mit dem Regionalexpress sind es 40 Minuten bis nach Berlin.

"Das Haus haben wir vor zwei Jahren gekauft, und wir wohnen leider immer noch nicht drin. Es ist viel teurer geworden und hat viel länger gedauert, als wir es uns vorgestellt haben."
Laila ist raus aus der Stadt gezogen

Vor zwei Jahren haben sie das Haus gekauft, wohnen allerdings immer noch zu sechst in einer kleinen Wohnung, weil die Renovierung einfach viel länger dauert als geplant. Es ist auch alles viel teurer geworden, als sie eigentlich gedacht hatten. Laila sagt, derzeit sei es sehr anstrengend, weil sie nebenher arbeiten, renovieren und auch noch zwei Kinder betreuen müssen.

"Unser Arbeitspensum ist einfach gerade enorm. Und das ist wirklich sehr, sehr anstrengend und hat sehr wenig von irgendwie Ruhe und romantischem Landleben.
Laila ist raus aus der Stadt gezogen

Die Atmosphäre in der Kleinstadt ist spürbar anders als in der Großstadt, sagt Laila: "Es ist auf jeden Fall ein anderes Miteinander als in der Stadt, es gibt nicht so eine große Anonymität. Man weiß irgendwie, wer um einen herum ist." Sie kennen inzwischen die Nachbar*innen oder die Verkäufer*innen in den Geschäften.

Fast 40 Prozent haben hier AfD gewählt

Bei der Bundestagswahl hat die AfD in der Kleinstadt 38,6 Prozent der Stimmen bekommen. Das sei eine andere Art der Konfrontation mit dem Thema, als sie es bisher in Berlin erlebt habe. "Man kann sich da nicht so in seiner Bubble verstecken. Es ist auf jeden Fall beängstigend, und man kann sich da nicht so rausziehen. Aber es macht auch, dass man Lust bekommt, aktiv zu werden oder die Notwendigkeit spürt, aktiv zu sein. Weil es gibt nicht so viele Stimmen gegen rechts", sagt Laila.

Laila ist Ende 20. Laut Statistik ist es in dieser Altersgruppe eher ungewöhnlich, aufs Land zu ziehen. Diejenigen, die wegen Ausbildung, Studium oder Job den Wohnort wechseln, bewegen sich meistens Richtung Stadt, sagt Nico Stawarz. Er ist Soziologe am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung und beschäftigt sich mit Migration und Mobilität, also auch mit der Binnenwanderung.

20-Jährige zieht's eher in die Städte

Die Trends, ob mehr Menschen in die Stadt oder aufs Land ziehen, verändern sich immer mal wieder. "Seit 2014 – und das gilt auch aktuell – sehen wir eine neue Phase der Suburbanisierung. Das heißt, die größten Städte haben Wanderungsverluste, und die weniger dicht besiedelten Gebiete haben wieder Wanderungsgewinne", sagt er. Ein Grund dafür liegt darin, dass bezahlbarer Wohnraum in den Städten knapp geworden ist.

"Generell muss man sagen: Trotz dieser Wanderungsverluste ist es so, dass die Städte noch wachsen an Bevölkerung. Und das liegt an der internationalen Zuwanderung sowie einem leichten Geburtenüberschuss."
Nico Stawarz, Soziologe am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung

Und obwohl es diesen Trend gibt, verlieren viele ländliche Regionen auch weiterhin an Einwohner*innen. Vor allem die, die nicht so gut an die großen Städten angebunden sind.

Unterstützung für Menschen, die aufs Land ziehen

Andreas Willisch ist Soziologe und koordiniert seit 2012 das Programm "Neulandgewinner". Dieses Projekt unterstützt Menschen, die etwas im ländlichen Raum bewegen wollen – zum einen mit Fördergeld, zum anderen bekommen die Neulandgewinner auch einen Mentor oder eine Mentorin zur Seite gestellt. Es sind sehr unterschiedliche Menschen. Mal eine Gruppe junger Leute, mal eine Familie mit Kindern. Und je nachdem, was sie vorhaben, brauchen sie natürlich auch andere Unterstützung, sagt Andreas Willisch.

"Die größten Herausforderungen, an die man eigentlich gar nicht so denkt, sind der November und dass man sich damit abfinden muss, dass man alles selber machen muss."
Andreas Willisch, Soziologe und koordiniert seit 2012 das Programm Neulandgewinner

Der Soziologe wohnt selbst seit Jahrzehnten auf dem Land und weiß deswegen, wo die Schwierigkeiten liegen. Er findet den November besonders hart. "Oftmals hat man im November den Eindruck, der Tag ist um 16 Uhr vorbei. Wenn es draußen richtig dunkel ist und du niemanden mehr siehst. Es ist finster und nass und alles. Und eigentlich hast du das Gefühl, normalerweise hast du jetzt noch fünf, sechs, sieben Stunden", sagt er. In der Großstadt kann man dann ins Kino, ins Museum zu Freunden oder ins Café – auf dem Land halt nicht.

Wenn es duster wird, kann man nicht so viel machen wie in der Stadt

Als er in den 90er-Jahren mit einer Gruppe von Leuten aufs Land gezogen ist, hatten sie Glück. Sie wurden von freundlichen Nachbarn mit offenen Armen empfangen. Aber Andreas Willich weiß: Das kann auch ganz anders sein. Manchmal dauert es richtig lang, bis man den Draht zu den Einheimischen findet. Oder man findet ihn vielleicht auch gar nicht.

Insgesamt sieht der Soziologe aber auch viele positive Seiten am Landleben. Und er weiß: Wenn man sich für dieses Leben entscheidet, dann muss man oft die Initiative ergreifen und vieles selber machen.

Hinweis: Unser Bild oben ist ein Symbolfoto, darauf ist nicht Laila zu sehen.

Meldet euch!

Ihr könnt das Team von Facts & Feelings über WhatsApp erreichen.

Uns interessiert: Was beschäftigt euch? Habt ihr ein Thema, über das wir unbedingt in der Sendung und im Podcast sprechen sollen?

Schickt uns eine Sprachnachricht oder schreibt uns per 0160-91360852 oder an factsundfeelings@deutschlandradio.de.

Wichtig:
Wenn ihr diese Nummer speichert und uns eine Nachricht schickt, akzeptiert ihr unsere Regeln zum Datenschutz und bei WhatsApp die Datenschutzrichtlinien von WhatsApp.

Shownotes
Raus aufs Land
Lohnt es sich, aus der Stadt wegzuziehen?
vom 28. März 2025
Gesprächspartnerin: 
Laila, ist mit Freund*innen in eine Kleinstadt gezogen und renoviert dort eine alte Gärtnerei
Gesprächspartner: 
Nico Stawarz, Soziologe am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, forscht zu Migration und Mobilität
Gesprächspartner: 
Andreas Willisch, Soziologe, Vorstand des Thünen-Instituts für Regionalentwicklung, koordiniert das Programm Neulandgewinner
Autor und Host: 
Przemek Żuk
Redaktion: 
Betti Brecke, Stefan Krombach, Friederike Seeger
Produktion: 
Jan Morgenstern
Quellen:
  • Grohmann,J., Porschke, A. (o.D.). Menschen ziehen verstärkt aus den Großstädten ins Umland. Deutschlandatlas, KRS_1222. Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung.
  • Rühmling, M. (2022). Bleibenslebensweisen in Kleinstädten. Die Rolle der sozialen Beziehungen im Entscheidungsprozess des Bleibens in der Kleinstadt. Cottbus: HochschulCampusKleinstadtForschung (Hrsg.). Working Paper 1.
  • Otte, G., Lübbe, H., & Balzer, D. (2022). Macht Stadtluft aktiv? Die Nutzung außerhäuslicher Kulturangebote im Stadt-Land-Vergleich. Forschung zu kultureller Bildung in ländlichen Räumen. Methoden, Theorien und erste Befunde. Weinheim: Beltz Juventa, 207-227.