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Nichtstun wird in der Bundesrepublik manchmal als das Gegenteil von Arbeit wahrgenommen. Oder als Muße. Aber auch als Faulheit. Oder als Protest. Die Historikerin Yvonne Robel fragt nach der Bedeutung des Nichtstuns für die Gesellschaft.

Wer nach der Wahrnehmung des Nichtstuns fragt, erhält Einblicke in das Selbstverständnis einer Gesellschaft, findet Yvonne Robel. Sie versteht die bundesrepublikanische Debatte über das Nichtstun als ein "permanentes Wechselspiel aus Sehnsüchten, Ängsten und Selbstermächtigung". Schon die Wortwahl zeigt an, wie unterschiedlich Nichtstun bewertet werden kann:

  • Kreative Pause
  • Muße und Müßiggang
  • Dolce far niente ("Süß ist es, nichts zu tun", italienisches Sprichwort)
  • Freizeitbeschäftigung
  • Gegenteil von Arbeit
  • Faulheit und Gammelei
"Wäre es am schönsten zu leben, ohne arbeiten zu müssen?"
Yvonne Robel, Historikerin, Hamburg

Ihrer Forschung nach war ab den 1950er-Jahren der Begriff der Muße sehr beliebt. Das Nichtstun wurde als Möglichkeit der "schöpferischen Faulheit" verstanden, als "produktiver Müßiggang". Das ist das, was wir heute eher Kreativität nennen.

Debatten über "Gammler"

In den 1960er-Jahren werden in der Bundesrepublik die letzten Arbeitshäuser abgeschafft, also die Institutionen, die nicht arbeitende Menschen disziplinieren sollten. Über das "Gammeln" gibt es öffentliche und mediale Debatten.

"Forderungen waren: Gammler sofort in Arbeitslager und Arbeitshäuser einzuweisen, mit Knüppeln oder Insektenmitteln gegen sie vorzugehen oder Gammeln gesetzlich zu verbieten."
Yvonne Robel, Historikerin, Hamburg

Es gibt die Forderung nach drastischer Disziplinierung, aber auch Stimmen, die Verständnis für das "Nichtstun als Lebensform" zum Ausdruck bringen. Ganz normalen Bürgern und Menschen in Wissenschaft und Journalismus erscheint das Nichtstun zunehmend als denkbarer Lebensstil, als "reale Daseins-Option".

Vor allem in den 70er-Jahren wird das Nichtstun gleichgesetzt mit dem Begriff "Freizeit", so Robel. Und seit den 1980er-Jahren wird sogar ein "Recht auf Faulheit" eingefordert.

Nichtstun im Wandel: vom Ratgebertrend zur Protestform

Seit der Jahrtausendwende erscheinen dann zahlreiche Ratgeber rund ums Thema Nichtstun. Und Nichtstun wird auch als Protestform gedacht.

"Der Begriff 'Muße' ist immer noch ziemlich virulent und kann Ihnen jederzeit begegnen."
Yvonne Robel, Historikerin, Hamburg

Robel beschreibt, wie ambivalent die Wahrnehmung des Nichtstuns ist. Gleichzeitig stellt sie fest, dass es dennoch Kontinuitäten bei der Deutung und Bewertung des Nichtstuns gibt:

  • die Vermutung einer besonderen Authentizität, Natürlichkeit und Menschlichkeit im Nichtstun
  • das Nichtstun als Korrektiv zu Konsum
  • das Nichtstun als produktive und insofern nützliche Kraft

Yvonne Robel ist Historikerin an der Forschungssstelle für Zeitgeschichte Hamburg. Ihre Habilitation hat sie unter dem Titel "Viel Lärm um Nichts. Eine Wahrnehmungsgeschichte des Nichtstuns in der Bundesrepublik" veröffentlicht. Ihren Vortrag hat sie am 12. Dezember 2024 gehalten, am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam unter dem Titel "Von ambivalenten Sehnsüchten und politischen Selbstverständigungen: Eine Wahrnehmungsgeschichte des Nichtstuns in der Bundesrepublik".

Hinweis: Unser Foto zeigt Urlauber in Deutschland um ca. 1960, die Sommerferien auf dem Liegestuhl machen.

Empfehlungen aus dem Beitrag:
  • Tom Hodgekinson: Anleitung zum Müßiggang (2013)
  • Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld, Hans Zeisel: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch (1933)
  • Björn Kern: Das Beste, das wir tun können, ist nichts (2016)
  • Bertrand Russell: Lob des Müßiggangs (1935)
Shownotes
Nichtstun historisch
Müßiggang und Faulheit in der Bundesrepublik 
vom 27. März 2025
Moderation: 
Katja Weber
Vortragende: 
Yvonne Robel, Historikerin, Forschungstelle für Zeitgeschichte Hamburg