Immer melden wir uns, von unserer Freundin kommt aber wenig zurück: Freundschaften können sich ganz schön ungleich anfühlen. So ging es auch Leila, bis sie einen Schlussstrich gezogen hat. Doch so weit muss es nicht kommen, sagt die Psychologin Rebecca Schild.
Eine Flasche Crémant, eine cute Tasse, was Süßes und eine Karte: Leila hat ihrer Freundin ein richtig schönes Paket geschickt. Doch es kam ungeöffnet zurück. "Das war schon sehr verletzend", sagt sie. Das war der Tiefpunkt ihrer Freundschaft, die immer einseitiger geworden ist.
Dabei hatten die zwei Freundinnen acht Jahre lang eine gute Freundschaft: Sie kannten sich aus der Schule, sind feiern gegangen, haben Jungs-Probleme geteilt, die Freundin hat sie unterstützt, als Leila Probleme mit ihren Eltern hatte. "Natürlich war ich mit ihr sehr stark verbunden", sagt Leila
Die Freundin hat sie nie besucht
Doch als die Freundin dann einen festen Freund hatte, wurde es immer einseitiger. Die rosarote Brille eben. "Ich bin die Letzte, die jemanden dafür verurteilt. Ich habe das selbst auch, wenn ich frisch verliebt bin", sagt Leila. Sie wollte ihr ein bisschen Zeit geben, doch es hat sich nicht gebessert. Dann hat Leila sich nicht mehr gemeldet und gewartet, ob von der Freundin etwas kommt. Sie hat sich erst nach drei Monaten gemeldet.
Ihre Freundschaft hatte sich aber auch davor schon verändert: Leila ist nach Mannheim gezogen, ihre Freundin hat in Würzburg studiert. Leila hat sie dort öfter besucht, zu ihr nach Mannheim kam die Freundin aber nie. Einmal hat Leila sie sogar mit dem Auto abgeholt: "Einfach nur, damit sie mich besuchen kommt. Im Nachhinein diese Story zu erzählen, ist so crazy. Dass ich sie gefühlt zwingen muss, damit wir uns sehen, ist schon komisch."
Leila fühlte sich respektlos behandelt
Einmal hat Leila sich extra ein Wochenende freigehalten, um die Freundin in Würzburg zu besuchen. Als sie dann dort ankam, sagte sie ihr, dass sie arbeiten müsse. Leila hat dann tagsüber in der Wohnung gewartet, bis die Freundin mit der Arbeit fertig war. "Das war so respektlos. Aber ich habe es einfach zugelassen", sagt Leila, sie hing eben sehr an der Freundschaft.

Zu Freundschaften und deren Dynamiken forscht die Soziologin Julia Hahmann. Sie sagt: Verschiedene Freundschaften sind erst einmal normal. Es gibt engere und losere Freundschaften, mit manchen teilen wir nur bestimmte Hobbys, Interessen oder Räume wie Bars oder Clubs. Je intensiver Freundschaften sind, desto komplexer werden sie. "Wenn man Freundschaften eng führt, dann muss man die kommunikativ auch so behandeln wie andere enge Beziehungen."
"Ich glaube, dass ich zu oft zu nett war und keine Grenzen gesetzt habe."
Bei Leilas Freundschaft hat die Kommunikation aber irgendwann gar nicht mehr gestimmt. Sie hatte immer das Gefühl, dass sie und die Freundin nicht ganz auf Augenhöhe liegen: "Und ich glaube, dass ich zu oft zu nett war und keine Grenzen gesetzt habe."
Diese Freundschaft hat auch Leilas andere Freundschaften verändert. Sie ist stärker in ihren Meinungen geworden und schaut genauer hin, ob eine Freundschaft ein ausgeglichenes Verhältnis aus Geben und Nehmen hat. "Und wenn ich das Gefühl habe, dann ist es eine Freundin. Und wenn nicht, dann nicht."
Ist die Freundschaft wirklich einseitig?
Die langjährige Freundschaft beschreibt Leila als dysfunktional und ungesund, sie hat sie deshalb beendet. Doch was können wir tun, wenn wir merken, dass eine Freundschaft einseitiger wird?
Mit solchen Fragen kennt sich Rebecca Schild aus. Die Psychologin hat ein Buch über Freundschaften geschrieben. Sie sagt: "Ich glaube, dass wir dazu tendieren, unsere eigenen Investitionen in die Freundschaft vielleicht auch ein bisschen mehr im Fokus zu haben."
Freundschaften verändern sich
Wer also das Gefühl hat, dass eine Freundschaft die Balance verliert, sollte sich fragen, ob das überhaupt stimmt. "Bin ich die Person, die regelmäßig die Initiative ergreift, und die andere Person macht das nicht, ist aber immer verlässlich und hat mir bei allen Umzügen geholfen – vielleicht ist das dann einfach unterschiedlich gelagert."
Rebecca Schild ergänzt, dass sich Freundschaften immer verändern. Zu unterschiedlichen Zeiten habe man unterschiedliche Bedürfnisse. Das Bedürfnis und die Kapazität nach Kontakt verändere sich. "Ich glaube, dass das normal ist in Freundschaften. Und gerade wenn wir uns wünschen, dass Freundschaften lange halten, dann werden wir uns darauf einstellen müssen, dass wir verschiedene Phasen mitmachen, die sich unterschiedlich anfühlen", sagt sie.
"Wenn ich eine gute Freundschaft haben will, dann muss ich kommunizieren."
"Es ist immer blöd, wenn ich das Gefühl bekomme, dass ich nicht so wichtig bin wie ich gerne wäre", ergänzt die Psychologin. Diese Enttäuschung sei verständlich. Sie empfiehlt in solchen Momenten: Schauen, ob das Gefühl korrekt ist: "Vielleicht ist es eben auch erstmal nur spontane Enttäuschung, die mit ein bisschen Abstand gar nicht mehr so schlimm ist."
Wer das Gefühl hat, dass eine Freundschaft wirklich einseitig ist oder geworden ist, sollte das ansprechen, rät die Psychologin – und zwar in einem ruhigen Moment. Das ist natürlich nicht easy. "Wenn ich eine gute Freundschaft haben will, dann muss ich kommunizieren. Da muss ich mich auch an solche Gespräche wagen", sagt die Psychologin, "es macht Sinn, das nicht erst zu tun, nachdem ich mich schon sechs Monate aufgeregt habe, sondern vielleicht schon ein bisschen frühzeitiger."
Neugierig nachfragen
Dann kommt es im Gespräch auf die richtige Haltung an. Nicht verurteilend, sondern neugierig: "Erst einmal nachfragen: Hey, ich habe das Gefühl, das passiert gerade zwischen uns, wie siehst du das?", sagt Rebecca Schild.
Es kann ja tausend Gründe dafür geben, dass sich eine Freundschaft verändert oder die andere Person weniger Zeit und Kapazitäten hat. "Aber es ist wichtig, sich zu trauen, das Thema auf den Tisch zu bringen. Sonst lässt es sich auch nicht klären", sagt Rebecca Schild.
"Wenn mir die Freundschaft wichtig ist, dann ist Geduld und Akzeptanz vielleicht manchmal das Mittel der Wahl."
Manche versuchten auch, um eine Freundschaft zu kämpfen. Davon rät die Psychologin eher ab: "Übermäßig viel Energie reinstecken in etwas, wo ich gerade nicht so viel zurückkriege – das würde ich generell nicht empfehlen."
In einer Schieflage sollte man eher das Gespräch suchen. Und akzeptieren, dass es auch Zeiten mit weniger Kontakt gibt. Das bedeute nicht, dass die Freundschaft vorbei ist. "Wenn es mir wichtig ist, dann ist Geduld und Akzeptanz vielleicht auch manchmal das Mittel der Wahl", so die Psychologin. Vorausgesetzt, dass mit der Freundschaft im Kern alles in Ordnung ist – anders als bei Leila.
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