Union und SPD diskutieren über eine Ausweitung der täglichen Arbeitszeit auf bis zu 13 Stunden. Arbeitgeber fordern schon länger mehr Flexibilität, Gewerkschaften fürchten, dass das zu Lasten der Arbeitnehmenden geht. Wer würde davon profitieren?
Der Achtstundentag hat ein Denkmal – und das steht in Melbourne. Es erinnert an die australischen Steinmetze, die in den 1850er Jahren als erste weltweit den Acht-acht-acht-Rhythmus erkämpften: acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden Freizeit.
Elfstündige Ruhepause gesetzlich festgelegt
In Deutschland sind Ruhezeiten und Pausen gesetzlich geregelt. Die Ruhezeit zwischen zwei Arbeitstagen beträgt in der Regel elf Stunden, kann aber auf zehn Stunden verkürzt werden, wenn der Schnitt von acht Stunden innerhalb von 24 Wochen eingehalten wird. Pausen sind ebenfalls vorgeschrieben: Nach spätestens sechs Stunden Arbeit muss es mindestens 30 Minuten Pause geben, bei mehr als neun Stunden insgesamt 45 Minuten.
Zusätzlich sind tarifliche Vereinbarungen möglich, solange sie den gesetzlichen Mindestanforderungen entsprechen. Auch Überstunden sind erlaubt, wenn sie vereinbart sind und ein entsprechender Ausgleich erfolgt.
Länger arbeiten – Steueranreize für Beschäftigte
Union und SPD diskutieren über eine Reform des Achtstundentags zugunsten einer maximalen Wochenarbeitszeit – basierend auf der EU-Arbeitszeitrichtlinie. Die elfstündige Ruhezeit bliebe bestehen. Neu wäre jedoch, dass die tägliche Arbeitszeit auf bis zu 13 Stunden ausgedehnt werden könnte – sofern entsprechende Vereinbarungen vorliegen. Dies würde mehr Flexibilität für Arbeitgeber schaffen, könnte aber auch längere Arbeitstage für Beschäftigte bedeuten.
"Zur Motivation der Arbeitnehmer sollen Zuschläge für die Mehrarbeit, die über die tarifliche Mindestarbeitszeit hinausgehen, steuerfrei gestellt werden."
Bereits die Ampelkoalition wollte mit Experimentierklauseln an diese Regelung heran. Nun gibt es im Sondierungspapier den Vorschlag, eine wöchentliche statt einer täglichen Höchstarbeitszeit einzuführen. Als Anreiz für Beschäftigte sollen Zuschläge für Mehrarbeit steuerfrei gestellt werden, wenn sie über die tarifliche Mindestarbeitszeit hinausgeht.
Flexibilität für den Handel wichtig
Viktoria Habig ist Geschäftsführerin von insgesamt fünf Edeka-Märkten mit rund 200 Mitarbeiter*innen. Sie findet die Idee von Union und SPD grundsätzlich gut. Insbesondere im Handel wäre mehr Flexibilität in der Personaleinsatzplanung hilfreich, um Dienstpläne besser an Kundenbedürfnisse und unvorhersehbare Ausfälle anzupassen.
"Wenn Mitarbeiter kurzfristig krank werden, ist es schön, wenn unkompliziert jemand länger bleiben könnte."
Längere Öffnungszeiten erfordern oft flexible Schichtmodelle. Wenn Mitarbeitende spontan länger bleiben könnten – etwa bei Krankheitsausfällen von Kolleg*innen, würde das die Personalplanung erleichtern. Die Möglichkeit, Arbeitszeiten kurzfristig anzupassen, könnte somit betriebliche Abläufe optimieren, meint Viktoria Habig.
Führungskräfte brauchen ein gutes Gespür
Eine 13-Stunden-Schicht kann durchaus anstrengend sein, aber für Viktoria Habig wäre das in ihren Märkten nur eine Ausnahme und auf freiwilliger Basis. Niemand würde dazu gezwungen, es wäre keine Dauerlösung und nur bei Personalnot eine Option. Dauerhaft sei es wichtig, dass Mitarbeitende ausgeruht sind, um ihre Leistung erbringen zu können.
"Die Marktleiter machen die Personaleinsatzplanung, die haben ein gutes Gespür, wen sie fragen und wem sie das auch zutrauen würden."
Damit kein Druck entsteht, ist es entscheidend, dass Führungskräfte sensibel mit der Situation umgehen, sagt Viktoria Habig. Der Marktleiter, der die Personaleinsatzplanung übernimmt, sollte ein Gespür dafür haben, wem er solche Einsätze zutrauen kann und wer bereit ist, flexibel zu arbeiten.
Gute Führung bedeute, ein Team so zu managen, dass sich niemand gezwungen fühlt. Es sollte klar kommuniziert werden, dass freiwillige Mehrarbeit nicht zur Pflicht wird und keine negativen Konsequenzen drohen, wenn jemand nicht einspringen kann. Gleichzeitig könne ein starkes Teamgefühl dazu beitragen, dass Mitarbeitende einander unterstützen, weil sie wissen, dass es am Ende allen hilft. Mehrarbeit an einem Tag heißt aber auch, dass an anderen Tagen kürzer gearbeitet werden kann oder Mitarbeitende einen zusätzlichen freien Tag erhalten.
Flexibilität keine Einbahnstraße
In den Supermärkten von Viktoria Habig wird ein flexibles Modell angeboten, das besonders auf die Bedürfnisse von jungen Eltern eingeht. Dabei werde berücksichtigt, wann die Kinder betreut werden müssen und ob es familiäre Unterstützung gibt. Ziel sei es, diese Mitarbeitenden wieder ins Schichtsystem zu integrieren, damit sie nicht in andere Jobs abwandern. Qualifizierte Fachkräfte zu halten und zu finden sei eine große Herausforderung.
"Wir versuchen, dem Mitarbeiter maximale Flexibilität entgegenzubringen, weil wir wissen, dass es nicht einfach ist im Handel, Familie und Beruf unter einem Hut zu bekommen", so die Geschäftsführerin. Dies könnte zum Beispiel bedeuten, dass Mitarbeitende etwas später kommen oder früher gehen, um die Kinderbetreuung zu gewährleisten.
Arbeitszeitregelung – Gewerkschaften mit Kritik
Auch die Deutsche Industrie- und Handelskammer unterstützt eine Änderung des Arbeitszeitgesetzes für mehr Flexibilität. Ein Beispiel, das von der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände vorgestellt wurde, ist das Konzept "New Work". Die Idee ist, die tägliche Arbeitszeit flexibler zu gestalten, etwa durch längere Arbeitstage. Mittwoch und Donnerstag könnte demnach die Arbeitszeit beispielsweise zwölf Stunden betragen, dafür gibt es einen freien Freitag, so unser Korrespondent Volker Finthammer.
"Statistiken zeigen, wo viele Überstunden gefahren werden, steigt auch das Risiko von Betriebsunfällen."
Dabei soll auf eine genaue Arbeitszeiterfassung verzichtet werden, stattdessen setzt man auf Vertrauensarbeitszeit, bei der die Mitarbeitenden selbst auf die Einhaltung achten. Ziel ist es, in Hochphasen die Arbeitszeit flexibler nutzen zu können, ohne zusätzliche Kosten.
Union: Überstunden sollen steuerfrei sein
Der letzte Stand der Verhandlungen zwischen Union und SPD ist, dass in einem Arbeitsgruppen-Papier ein Vorstoß gemacht wurde: Die europäische Arbeitszeitregelung soll geprüft und gegebenenfalls umgesetzt werden. Allerdings fordert die SPD, dass diese Regelung nur im Zusammenhang mit entsprechenden Betriebs- oder Tarifvereinbarungen gelten soll und die Arbeitszeit vollständig erfasst werden muss, so Volker Finthammer.
Eine weitere Idee, die die Union befürwortet, wäre Überstunden steuerfrei zu stellen. Sie hofft dadurch Unterstützung für die vorgeschlagenen Arbeitszeitänderungen zu gewinnen. Wie die Verhandlungen letztlich ausgehen, ist derzeit (3.4.2025) noch unklar.
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