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Michelle ist die erste in ihrer Familie, die studiert. Besonders am Anfang hat sie sich fremd gefühlt an der Uni. Auch, weil sie gemerkt hat, dass es den meisten ihrer Mitstudierenden nicht so geht wie ihr.

Wo bin ich hier nur gelandet? Das denkt sich Michelle bei einer Einführungsveranstaltung an ihrer Uni. In ihrem ersten Semester ist für sie alles neu: nicht nur die Abläufe und die Regeln, sondern auch die Sprache zum Beispiel. Plötzlich geht es um Numerus Clausus, um Bachelor oder um andere Begriffe, die Michelle dort zum ersten Mal hört.

"Es ist die gesamte akademische Laufbahn so, zumindest bei mir, dass man sich immer wieder fragt: Bin ich hier richtig? Darf ich das?"
Michelle ist die erste in ihrer Familie, die studiert

Sie stellt auch fest: Ihren Mitstudierenden geht es anders. Sie scheinen zu wissen, was gemeint ist und worauf es an der Uni ankommt. Sie gehen mit einer anderen Haltung an ihr Studium ran.

"Sie kannten das schon von Zuhause, dass man eine Bachelorarbeit schreibt, dann die Masterarbeit und später vielleicht eine Doktorarbeit", sagt sie. Michelle muss sich das alles selbst aneignen. Sie ist die erste in ihrer Familie, die studiert.

Arbeiterkinder in der Minderheit

Sie gehört damit zu den 25 Prozent der Studierenden, die aus einem Nicht-Akademiker-Haushalt kommen. Das heißt: Der Großteil der Student*innen hat Eltern, die selbst zur Uni gegangen sind. An diesem Verhältnis hat sich in den vergangenen rund 20 Jahren kaum etwas verändert, sagt Melinda Erdmann vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.

"Wenn die Eltern ein Studium haben, dann gehen die Kinder zu 78 Prozent in ein Studium über nach der Schule."
Melinda Erdmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

Ein wichtiger Grund, warum Kinder von Eltern, die studiert haben, selbst später ein Studium aufnehmen, ist, dass in diesen Familien mehr darüber gesprochen wird, erklärt sie. Kindern aus Arbeiterfamilien würden hingegen eher Vorbilder fehlen, die ihnen zeigen, dass ein Uniabschluss eine Möglichkeit ist, die sie angehen und auch schaffen können.

Erststudierende an der Uni: Viel ist neu, weniger ist selbstverständlich

Diesen Unterschied in der Haltung nimmt Michelle zum Beispiel dann wahr, wenn es um Prüfungen geht: "Wenn Kommilitonen eine Klausur zurückbekommen haben, die ihnen nicht gepasst hat, sind sie sofort zum Professor gegangen und haben gesagt: Ich will noch mal mit Ihnen darüber sprechen. Ich hätte das nie gemacht." Eine Autoritätsperson wie einen Professor anzuzweifeln, das hätte sie sich am Anfang ihres Studiums nicht getraut.

Heute fühlt sie sich selbstbewusster, sagt sie. Seit sie ihren Bachelor abgeschlossen hat, fühlt sie sich weniger fremd an der Uni und kann auch ihre Erfolge besser anerkennen. Trotzdem denkt sie manchmal noch, sie würde dort nicht hingehören.

Michelle hilft es, mit anderen darüber zu sprechen, denen es ähnlich geht. Dazu rät auch Studienberaterin Carolin Pilz von der Universität Bielefeld. Sie findet es wichtig, sich darüber auszutauschen, Fragen zu stellen und sich mit anderen zu vernetzen. Das geht zum Beispiel über bestimmte Hochschulgruppe und auch Initiativen wie Arbeiterkind.de.

"Mir ist immer total wichtig klarzumachen: Redet darüber, macht das Thema sichtbar und vernetzt euch! Stellt Fragen! Traut euch!"
Carolin Pilz, Studienberatung Erziehungswissenschaft, Universität Bielefeld

Der Austausch mit anderen kann auch dabei helfen, den Druck rauszunehmen. Carolin Pilz beobachtet bei manchen Studierenden, dass sie sich unwohl fühlen, wenn sie nachfragen, weil sie mit den Uni-Abläufen oder bestimmten Begriffen nicht so vertraut sind wie andere.

Teilweise komme auch Druck von außen dazu – zum Beispiel, wenn es um die Finanzierung des Studiums geht. Wenn Studierende neben der Uni beispielsweise noch jobben müssen, treffe das bei manchen Eltern auf Unverständnis. Dann kommen Kommentare wie: "Warum wähle ich denn so etwas, wenn ich doch eine Ausbildung machen könnte, wo ich vielleicht wenig, aber immerhin irgendwie Geld verdiene", erklärt sie.

Was in solchen Fällen für mehr Verständnis sorgen kann, ist, die Eltern an die Uni mitzunehmen und ihnen seinen Alltag dort zu zeigen, so Carolin Pilz.

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Shownotes
Bildungschancen
Arbeiterkind: Wie gehöre ich an der Uni dazu?
vom 17. März 2025
Gesprächspartnerin: 
Michelle, Erstakademikerin
Gesprächspartnerin: 
Carolin Pilz, Studienberatung Erziehungswissenschaft, Universität Bielefeld
Gesprächspartnerin: 
Melinda Erdmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung
Autorin: 
Shalin Rogall
Redaktion: 
Anne Bohlmann, Justus Wolters, Ivy Nortey
Technik: 
Philipp Adelmann