Der Begriff Anthropozän will beschreiben, wie sehr der Mensch in die Lebensgrundlagen des Planeten eingreift. Wir haben Geologie, Atmosphäre und Biomasse verändert. Das liegt auch daran, wie wir auf das Wirtschaftswunder zurückschauen, sagt der Historiker Andreas Frings.
Frings setzt sich mit den Versuchen auseinander, den Begriff Anthropozän als neue Epoche für die Erde wissenschaftlich zu definieren. Mit Anthropozän soll das Zeitalter der Erdgeschichte benannt werden, in dem der Mensch zum bestimmenden Faktor aller Prozesse auf der Erde geworden ist. Im März 2024 wurde der Begriff von einer Expertenkommission als geologische Einheit abgelehnt – vor allem wegen des Versuchs, seinen Beginn recht exakt auf das Jahr 1952 zu legen. Die Entscheidung der Expertenkommission: Wir leben nicht im Anthropozän.
Produktiv findet der Historiker den Begriff dennoch, ebenso wie einen genaueren Blick auf die Entwicklung, die in den 50er-Jahren einsetzt. Das Wirtschaftswachstum der Nachkriegszeit wird oft als Erfolgsgeschichte erzählt, sagt Andreas Frings. Gleichzeitig setze hier die "große Beschleunigung" ein. Ressourcenverbrauch, Müllproduktion, Emissionen – die Kurven gehen steil nach oben.
"Eine historische Erklärung für den Weg in dieses Schlamassel hinein muss von einem nicht intendierten Schlamassel ausgehen."
Frings will historisch nachzeichnen, was in dieser Zeit geschehen ist. Wie sehr viele subjektiv-rationale Entscheidungen eine Situation herbeigeführt haben, die keiner will und aus der wir uns nur schwer lösen können.
"Ein Facharbeiter in Westdeutschland kann sich 1950 noch nicht unbedingt ein Auto leisten. Aber 1960 ist sein Lohn viel mehr wert. Mit nur einer Stunde Arbeit kann er schon 10 Liter Benzin bezahlen."
Zentral seien die Infrastrukturen, die in Westeuropa mit dem Marshallplan ausgerollt wurden. Ein Überschuss an Erdöl und sinkende Energiepreise ließen energieintensive Wirtschaftsmodelle und Produktionsweisen sinnvoll erscheinen.
"Lasst uns anfangen. Nützt ja nix."
Frings bezeichnet das Anthropozän als die "unbeabsichtigte Folge menschlicher Entscheidungen". Dennoch gebe es Handlungsoptionen.
"Der wichtigste Punkt: Sie müssen die Welt nicht retten – aber Sie sind aufgefordert, begründete Entscheidungen zu treffen."
Handlungsoptionen:
- Wählen gehen, demokratische Parteien ansprechen
- Eigene Geldanlagen bedenken
- Vernetzung mit anderen
- Eigene Reichweite bedenken und begründete Entscheidungen treffen
- Solidarische Strukturen aufbauen, Austausch, Fehler zulassen
- Redundanzen bzw. Resilienz einplanen
Er beendet seinen Vortrag mit dem Appell: "Lasst uns anfangen. Nützt ja nix."
Andreas Frings ist Historiker an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Seinen Vortrag mit dem Titel "How did we end up here? Eine historische Perspektive auf das Durcheinander" hat er am 6. Januar 2025 im Rahmen der Vorlesung "Voices for Climate" an seiner Universität gehalten.
Hinweis: Unser Bild zeigt den Tagebau Hambach in Nordrhein-Westfalen. Hier arbeiten Braunkohlebagger des Energiekonzerns RWE, um Kohle aus dem Boden zu fördern.
- Beginn Vortrag
- Analyse: Was ist eigentlich passiert?
- Wie könnte eine historische Erklärung dafür aussehen?
- Fazit: Welche Optionen haben wir?